Es ist Sonntagabend, 19:05 Uhr in Deutschland und für die Sendung “Schwiegertochter gesucht” auf dem Privatsender RTL schalten etwa 4.850.000 Zuschauer (!) zum einen ihren Fernseher ein, zum anderen ihren Verstand ab – insbesondere in der Gruppe der werberelevanten Zuschauer wachsen die Zahlen inzwischen auf einen stattlichen Marktanteil von über 20%. Daran ist im Großen und Ganzen natürlich nicht allzu viel auszusetzen – in erster Linie, weil ich mich selbst oft dabei erwische, aber vor allem auch, weil dadurch wirklich ganz neue und spannenden Erkenntnisse über die Mediennutzung auf verschiedenen Kanälen ans Tageslicht gelangen.
Auf diversen Veranstaltungen erzähle ich den Zuhörenden ja immer wieder gerne davon, wie “früher” (so vor etwa 5 Jahren) die Menschen abends vor den Fernsehern saßen und nebenbei im Netz surften, und dass sich das alles jetzt ja längst geändert hätte, dass sie inzwischen alle abends im Netz surfen und nur noch nebenbei fernsähen, dass deswegen die Werbekosten online ja immer weiter steigen und TV ja inzwischen… blablabla. Die meisten kennen das, Fazit ist: TV ist nicht mehr unbedingt DAS alleinige Leitmedium dieser Tage.
In letzter Zeit entwickelt sich allerdings eine völlig neue Art der crossmedialen Abendgestaltung: der Social Media TV Mob – kurz “SMTM”. (Achtung: das habe ich grad selbst erfunden und bin furchtbar stolz drauf!) Ich erkläre das auch mal kurz: während im TV Serien oder Sendungen mit breiter Akzeptanz laufen, werden diese in Real-Time und live dazu in den sozialen Medien diskutiert, kommentiert und thematisiert. Nirgends sonst und noch nie zuvor war es den Sendern bis jetzt möglich gewesen, noch während einer laufenden Ausstrahlung eine solch direkte Response einer so breiten Zielgruppe zu erhalten, die so direkt von einem Medium auf ein weiteres übertragen werden konnte – und damit eine weitere, wichtige Komponente in die bisher nur grob geschätzte Messbarkeit ihrer Ausstrahlungen bringt. Egal ob wir bei RTL ehevermittelte Bauern, bei ProSieben einen wettkämpfenden Raab oder bei der ARD den neusten Tatort aus Münster zu sehen bekommen – das Ergebnis ist überall das gleiche:

Zum oben genannten Beispiel: das Format “Schwiegertochter gesucht” kann man ungefähr mit einem sehr dummen Unfall vergleichen: es ist ziemlich unangenehm und peinlich, dabei zuzusehen – aber weggucken geht nun mal nicht. Und genau das passiert auch sehr vielen Zuschauern da draußen, die sich in genau dieser Situation zum Beispiel über Twitter und Facebook gegenseitig virtuell auf die Schultern klopfen und mal schmunzelnd, mal belächelnd oder auch peinlich geschockt über das austauschen, was sie dort sehen. Das lässt sich sehr schön an der folgenden Grafik aus Google-Suchergebnissen darstellen, wenn man nach dem Twitter-Hashtag “#sg” (für “Schwiegertochter gesucht”) googelt.

Wir sehen hier also in einer relativ unspektakulären Säulengrafik, was in der Realität weit extremere Höhepunkte erlebt: via Twitter und Facebook steppt der Bär – und das ist noch ziemlich untertrieben. Sicherlich bleibt es dahingestellt, ob die aktiven User aus dem Social Media Umfeld denn nun eine repräsentative Panelgröße darstellen oder überhaupt die Meinung des durchschnittlichen Zuschauers widerspiegeln, denn dafür fehlen auch mir die absoluten Zahlen. Aber: ich würde behaupten, dass dem so ist – und selbst wenn nur einige Meinungsmacher erreicht werden, kann man mit diesen gesammelten Ergebnissen durchaus arbeiten. Oh Schreck – da kommen wir wieder beim Thema “Social Marketing Communication” an: MITREDEN, den Dialog starten, aktivieren, einmischen, dabei sein. Dass das noch immer nicht bei jedem angekommen ist, das zeigt sehr schön der Unterschied zwischen dem auffällig offenen und kommunikativen Twitteristi-Team der ProSieben-Mitarbeiter (am Beispiel der Sendezeit “Schlag den Raab”) und dem schlichten Twitter-Feed des RTL-Pendants (Beispiel Sendezeit “Schwiegertochter gesucht”): – einfach die Seite vergrößern, falls zu schlecht lesbar -

Was sehen wir also: die einen nehmen das Thema auf, agieren und reagieren auf die eigenen Zuschauer, teilen sich mit und sind dabei – die anderen sind wohl eher ein ziemlich automatisierter Feed, maximal vielleicht irgendeine Pressetante, der zwischendurch mal einfällt, dass man Twitter ja auch noch befüllen könnte. Peinlich, übrigens: jetzt wollte ich an dieser Stelle auch noch die beiden Facebook-Kanäle gegenüber stellen – aber dort ist RTL noch gar nicht angekommen. Während ProSieben auch hier mit über 75.000 Fans (!) aufwartet und richtig schön aktiv am Ball ist, machen sich die Kölner noch rar.

So weit so gut. Wir stellen fest: zunächst mal müssen die Offline-Medien den Sprung ins Netz schaffen, so viel ist klar. Als nächstes sollten sie meiner Meinung nach erstmal a) ordentliches Social Media Monitoring betreiben, dann b) ein junges, cooles Team als Social-Media-Betreuer einstellen, gleichzeitig natürlich auch endlich c) den Mehrwert verstehen und damit d) ihr Image, ihre Marke und ihre Bekanntheit aufbessern. Dabei altbekannte Probleme: Angst vor dem Dialog, Angst vor explodierenden Kosten, Angst vor einem neuen Medium und Angst vor der eigenen Zielgruppe. Hallelujah – es bleibt spannend!