June 1, 2010 2

Die Medien-Halbwissenschaftler

By medienmaul in Gedanken, Medien

Der Rücktritt Horst Köhlers, dessen Interview mit den heiß umstrittenen Äußerungen durch Einwohner der sozialen Webwelt ans Tageslicht gehoben, bis auf den letzten Tropfen ausgequetscht und  unter demonstrativ lautem “Aber das geht doch nicht!”-Geschrei an die Oberfläche gezerrt wurde, dieses Interview ist der Auslöser und das aktuellste große Beispiel für eine Sorge, die sich mehr und mehr in mir breit macht. Es ist eine Sorge über eine Denke, die nicht nur Blogger betrifft, nicht nur die Twitteristi da draußen, nicht nur Medienservices oder gar große Newsportale in digitaler oder analoger Form – es ist die Sorge über ein Problem, welches sich wie ein kleiner Virus durch die Medienlandschaft zieht und unbemerkt weiter ausbreitet. Hierbei geht es nicht um das Wie und Warum des Präsidenten-Rücktritts selbst, sondern um den Umgang der Medien mit jeglichen öffentlich wirksamen Themen.

BesserwisserDie Szene der “Twigger” (so nenne ich jetzt mal spektakulär die Mischpoke aus Bloggern und Twitter-Jüngern, bitte merken Sie sich dieses geniale Wort!) mutiert in diesen Tagen zu einer selbsternannten Bande, die sich dazu erkoren sieht, diese Welt besser zu machen. Sie decken die Gemeinheiten dieser seelenlosen Menschen auf, die uns regieren, sie setzen sich heldenhaft dafür ein, dass Ihresgleichen da draußen von Recht und Gesetz in Schutz genommen werden, sie stürzen sich auf innenpolitische Auseinandersetzungen in Staaten, die ihnen bis dato völlig fremd waren und  werden urplötzlich – wahrscheinlich weil von einer inneren Stimme dazu berufen – das Sprachrohr einer Welt, die ihnen bis zu jenem Moment verschlossen blieb. Kurzum: sie werden zu Robin Hood.

Auf den ersten Blick klingt das ehrenhaft. Wenn sie sich brauchen, dann schreien sie nach “Followerpower!”, sie sind stolz auf Aussagen wie “geballte Macht der Social Media” oder “Macht der Blogosphäre”, dann fühlen sie sich groß, weltmännisch und fast so, als hätten sie eben diese ein wenig besser gemacht. Sicherlich – in manchen Situationen ist all das Gold wert: wenn die einzigen freien Stimmen aus dem Iran, die uns erreichen können über Twitter kommen, dann ist das sensationell. Wenn wir aus Bangkok die neusten Entwicklungen der Straßenschlachten serviert bekommen, dann wissen wir: wir sind unabhängig. Wenn ein großer Ölkonzern aus dem Golf von Mexiko berichtet, dass man mal wieder einen neuen Versuch unternimmt, unser Ökosystem zu zerstören, dann sind wir auf aktuellstem Stand. Ein Problem taucht allerdings genau dann auf, wenn der aktuell für ein bestimmtes Thema selbsternannte Robin Hood da draußen weder über das Hintergrundwissen, noch über die Objektivität, noch über den Weitblick verfügt, um sich dieses Themas anzunehmen – es aber doch tut.

Nun – das klingt wenig spektakulär, dummerweise wird es das aber ganz schnell. Fix werden Gesetzestexte zitiert und unter lautem Angriffsgebrüll in die Masse geschleudert, schnell wird das große Bohai hinaufgehoben auf den Olymp, wo die göttlichen Kraken Facebook, die VZ-Netzwerke, Twitter, Meme, die Waves und sonstwie thronen und um ein tausendfaches vervielfältigt. Aus schon zu Beginn höchst subjektiven Stammtischschreien werden in der Masse, in der Kopie, in der Zitaterei und in der Welt von Weiterleitungen, RSS-Feeds und Timelines zerstückelte Solidaritätsbekundungen, garniert mit großartigen, selbstverliebten Untertönen der Ironie (schließlich MUSS man sich als besonders eloquent darstellen, um angesehen zu bleiben oder zumindest einen Fav-Stern zu erhalten) und schon haben wir den Salat: die “geballte Macht der Followerpower” hat sich endlich wieder zusammengerauft um gemeinsam aufzubegehren (wogegen noch gleich?), um die Stimme gegen diese Ungerechtigkeit zu erheben (was war denn eigentlich?) und die geballte Faust gegen die grundsätzlich doch eh immer weltfremde Obrigkeit zu recken (um wen geht’s denn grad?). Man fühlt sich so rebellisch, so revolutionär. Und man war dabei.

Im nächsten Schritt kommen die “großen” Medien. “Nanu?” fragt man sich dort – “Da tut sich doch was im Volke?” Schnell werden News-Feeds und Timeline gecheckt, schnell findet man heraus: Oha – die Menschen da draußen begehren auf! Sie, die so viele sind, sie, die sich zusammenraufen und für das Gute kämpfen, sie haben wieder einen Skandal aufgedeckt, der uns fremd blieb, sie schicken sich an, die Welt zu erretten! Das müssen wir doch aufgreifen, ihnen gleich tun! Dummerweise kommt hier ein weiterer wichtiger Aspekt ins Spiel: große Medienportale – und damit darf sich ausnahmslos jedes dieser Medien angesprochen fühlen – leben durch ihre Besucher. Ob man es glauben mag oder nicht: sie finanzieren sich fast ausnahmslos durch Visits, durch Leser, durch jene, die ihre Webseiten durchstreifen und ihre endlosen Klickstrecken begaffen und dadurch tausendfach bloß zufällig die eingebundene Werbung aufrufen. Was liegt also näher, als ein möglichst reißerisches, möglichst emotionales Thema aufzugreifen, es den Twiggern (Sie erinnern sich?) gleich zu tun, sich zu solidarisieren, sich feil zu bieten mit dem eigenen Entwurf zu diesem Thema? Schon überbietet man sich gegenseitig mit tiefgründigen Recherchen, dramatischen Bildern, wilden Verlinkungen in die Social Media Szene, mit lauten Berichten und respektlosen Meinungen – allesamt im Sinne des Lesers. Natürlich nicht nur digital – denn gerade in der analogen Welt der Medien kämpft man um das Überleben, gerade dort, wo der Kampf um jede Seite, um jedes Blatt Papier so heiß tobt wie noch nie, gerade dort können Überschriften nicht dramatisch genug sein. (Dabei springt mir als erstes der Gedanke an die die letzte Ausgabe des “FOCUS Money” in den Kopf, der noch populistisch titelte: “Wir wollen die D-Mark zurück!” – schließlich steigert sowas die Verkaufszahlen).

Da haben wir sie, die drei Säulen der Macht: das graue Umfeld “Social Media”, die digitalen und die analogen Medien. Nur um das anzumerken: selbstverständlich gibt es eine ganze Menge höchst anspruchsvoller Menschen da draußen, die in all diesen Bereichen hochwertige, journalistisch intensiv recherchierte und inhaltlich fantastische Berichterstattungen bieten! Das Problem – MEIN Problem – ist es allerdings, dass die Verbindung aus einer weit größeren Masse von Populisten und gleichzeitig der riesigen Masse an empfangsbereiten Lesern mittlerweile ein Ausmaß der Selbstverständlichkeit angenommen haben, welches seinesgleichen sucht.

Nicht zuletzt das jüngste Thema um den Bundespräsidenten Hort Köhler hat gezeigt, wie platt, wie respektlos, wie pauschal und wie wenig reflektierend sämtliche dieser Medienbereiche  mit ihren Inhalten, ihren Aussagen, ihren Worten umgehen. Die Reaktionen unter jenen, die ich persönlich bisher als sehr intelligente, offene Twitteristi ansah haben mir die Sprache verschlagen, haben mich wütend gemacht, haben mir Angst gemacht. Schlechte Witze über einen Präsidenten als Mensch, dumme und völlig verallgemeinerte Aussagen über unsere Regierung, äußerst platte Sprüche und kein einziger Gedanke über all das, was da eigentlich gerade passiert -  die Berichte zum Thema, die ich auf Seiten der News-Portale lesen muss – sie lesen sich nicht besser. Sie lesen sich emotional, subjektiv und schon wieder: respektlos. An anderer Stelle dieser Welt (hier meine ich die Finanzbranche) fordert man von den Beteiligten ein gehöriges Maß an Verantwortung gegenüber den Menschen, den Märkten, den Ländern damit die Welt funktioniert. Damit sie gut funktioniert. Genau diese Verantwortung fordere ich von den Medien, von den Journalisten, von all jenen, die sich einbringen, von Twitterern, von Bloggern, von all jenen die Inhalte in die Welt aussenden, die Meinungen bilden können.

Ich behaupte: Wenn all die Medien und selbsternannten Vertreter der sozialen Kanäle nicht grundsätzlich Pressefreiheit und freie Meinungsäußerungen mit Populismus verwechseln würden, dann wäre es EINIGES ruhiger in der Welt.

2 Responses to “Die Medien-Halbwissenschaftler”

  1. Curi0us says:

    Puh, Rundumschlag.

    Also – ich glaube, dass Du generell nicht unrecht hast.

    Ich habe – gerade im Zusammenhang mit diversen “Anti-Abmahn-Geschichten” – schon häufiger überlegt, was eigentlich ist, wenn der Abmahner nicht nur juristisch, sondern auch moralisch im Recht sein sollte. Schafft es die Twiggersphäre (um mal Deinen Begriff zu nutzen) hier zu differenzieren und nicht erstmal über Wochen dem klassischen “Böse! Auf sie mit Gebrüll”-Reflex zu erliegen?

    So ähnlich sehe ich das hier jetzt auch. Erstmal druff, ohne weiterführende (öffentliche) Reflektion.

    Nur: Respekt? Ich finde es nicht respektlos, Köhler für seine Aussage zu kritisieren, ich finde es nicht respektlos, hier deutlich die Rechtslage aufzuzeigen. Ich finde es nicht respektlos, nach seinem Rücktritt Scherze damit zu treiben.
    Ich finde Beleidigungen respektlos. Aber sollte man in einer derart exponierten Stellung wie dem Bundespräsidentenamt nicht darüber stehen? Sachlich bleiben können? Sich selbst als *Person* und vor allem auch andere Personen (nicht! Meinungen) nicht zu ernst nehmen?

    Sogar umgekehrt: Ich finde, was Herr Köhler gemacht hat unverständlich. Dünnhäutig. Und das, selbst wenn er wirklich heftig beleidigt wurde.

    Diese Reaktion ist *meiner Meinung nach* eines Bundespräsidenten nicht würdig. “Ihr ward gemein zu mir, ich gehe!”, so kommt das bei mir an.

    Hallo? Entweder, er hält die Kritik für gerechtfertigt, dann hat er die Option zu sagen “Ja, mein Fehler” und daraus dann entweder die Konsequenz zu ziehen, zurückzutreten (bitte das dann aber auch so erklären), oder sich zu entschuldigen/es richtig zu stellen.
    Oder er hält seine Aussage nach wie vor für zutreffend. Dann sollte er dazu stehen und sie mit seinen Argumenten unterstreichen.

    So zieht er selbst diesen Disput auf die persönliche Schiene. Schreit “kein Respekt!” und geht.

    Ohne Argumente.

    Schade, eigentlich.

  2. medienmaul says:

    Da muss ich unbedingt noch was nachschieben: das Thema “Köhler” sehe ich hier als Aufhänger, der mich aktuell dazu bewegt, das zu schreiben. Und dabei geht es NICHT nur um die Sache selbst – also sein Verhalten oder seine Meinung. Mir geht’s um die Art und Weise der Reaktionen in den Medien und der Öffentlichkeit, die ein Beispiel für die Entwicklung der Gesellschaft darstellen. Grundsätzlich gibt es noch viel mehr Themen, bei denen es sich so verhält wie beschrieben…

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